Sang der Alten
„Sang der Alten“ widmet sich den Ursprüngen unserer Sprache und Dichtung. Historische Texte in Alt- und Mittelhochdeutsch werden neu vertont und in ein Klanggewand gehüllt, das ihre archaische Kraft hörbar macht.
„Sang der Alten“ versteht sich nicht als bloße Rekonstruktion, sondern als kreative Wiederbelebung. Die Musik baut Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart, macht uralte Kultur zugänglich und spürbar. Wer zuhört, taucht ein in eine Klangwelt, die fremd und vertraut zugleich wirkt – und erlebt, wie das Wort der Vorfahren in der Gegenwart neu zu atmen beginnt.
Hinweis:
Auf dieser Webseite sind nur ausgewählte Musikstücke zu finden.
Viele weitere Vertonungen und Inhalte gibt es auf dem
YouTube-Kanal von „Projekt Nachtraab“.
„von Kürenberg“
ist der Name eines der frühesten bekannten deutschsprachigen
Minnesänger,
vermutlich aus dem mittleren 12. Jahrhundert (um 1150)
Ich zôch mir einen valken
mêre danne ein jâr,
dô ich in gezamete,
als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere
mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe
und flouc in anderiu lant.
Sît sach ich den valken
schône vliegen:
er vuorte an sînem vuoze
sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere
alrôt guldîn.
got sende sî zesamene,
die gelieb wellen gerne sîn!
Sinngemäß ins Hochdeutsche übertragen:
Ich zog mir einen Falken
mehr denn ein Jahr,
da ich ihn zähmte,
wie ich ihn haben wollte,
und ich ihm sein Gefieder
mit Gold wohl bewand,
da hob er sich gar hoch
und flog in ein anderes Land.
Seit sah ich den Falken
schön fliegen:
er führte an seinem Fuße
seidene Riemen,
und war ihm sein Gefieder
ganz rot golden.
Gott sende sie zusammen,
die Geliebten gerne sein wollen!
Das Falkenlied von Kürenberg zählt zu den ältesten überlieferten deutschsprachigen Minneliedern. Es erzählt von einem Falken, der gezähmt und geschmückt wurde, sich jedoch erhebt und in ein anderes Land fliegt. Der Vogel ist Sinnbild für den Geliebten – prachtvoll, frei, doch letztlich nicht festzuhalten.
Besonders bemerkenswert ist die Perspektive: Der Text scheint aus weiblicher Sicht gesprochen zu sein. Selten findet sich in der frühen Liebesdichtung eine Stimme, die so unmittelbar und selbstbewusst von Sehnsucht und Verlust erzählt. Der volksliedhafte Ton unterscheidet sich deutlich vom späteren, streng höfischen Minnesang.
In unserer Vertonung erklingt daher eine weibliche Stimme – um die emotionale Kraft dieser frühen Liebeslyrik zu unterstreichen und die besondere Rolle des Gedichts als seltene weibliche Stimme im Minnesang hervorzuheben.
Das Althochdeutsche Schlummerlied
Überliefert von Georg Zappert (1806 – 1859)
Tocha slaslumo uueinon sarlazes triuua uuerit craftlicho
themo uuolfa uurgianthemo slafes unza morgane manestrut
sunilo ostra stelit chinde honacegirsuoziu hera
prichitchinde
pluomun plobun rotiu zanfana sentit morganeueiziu scaf
cleiniu unta einouga herra hurt horsca asca harta
Zappert liest dies als sieben alliterierende Verse:
Tocha slafês sliumo / uueinon sar lazzês.
Triuua uuerit kraftlicho / themo uuolfa uurgiantemo.
slafês unz za morgane / manes trût sunilo.
Ostârâ stellit chinde / honak egir suozziu.
Hera prichit chinde / pluomun plobun rotun.
Zanfana sentit morgane / ueiziu scaf kleiniu,
unta Einouga, herra hurt! / horska aska harta.
Seine Übersetzung lautet:
Docke*, mögest du schlafen schleunig, / Weinen gleich mögest du
lassen.
Triwa wehrt kräftig, / Dem Wolf dem würgenden.
Mögest du schlafen bis zum Morgen / Mannes trautes
Söhnlein.
Ostara stellt dem Kinde / Honig, Eier süsse.
Hera bricht dem Kinde / Blumen blaue rothe.
Tanfana sendet morgen / Weisse Schafe kleine,
Und Wuotan, herra hurt! / Rasche Speere harte.
*Kosewort für Tochter
Das Schlummerlied gehört zu den zeitlosen Schätzen unserer Liedkultur. Über Generationen hinweg wurde es von Eltern ihren Kindern vorgesungen, um Geborgenheit zu schenken und sie sanft in den Schlaf zu begleiten. Die einfache, klare Sprache und die ruhige Melodie schaffen eine Atmosphäre, die weit über das rein Musikalische hinausgeht: Sie öffnet einen Raum der Sicherheit, Wärme und Vertrautheit.
In seiner überlieferten Form spiegelt das Schlummerlied jene Welt wider, in der Gesang noch eng mit dem Alltag verbunden war – ein Stück gelebte Volkskultur, das den Menschen durch seine Schlichtheit berührt. Auch heute noch entfaltet es seine Wirkung, ob traditionell vorgetragen oder neu interpretiert: Es bleibt ein musikalischer Anker, der uns an die Ursprünge von Nähe und Fürsorge erinnert.
Mit dem Schlummerlied halten wir ein Kulturerbe lebendig, das nicht nur für Kinder gedacht ist. Es spricht alle an, die im Klang vergangener Zeiten Ruhe und Trost suchen.
"Das Hildebrandslied"
um 800
Ik gihorta dat seggen,
ðat sih urhettun ænon
muotin,
Hiltibrant enti Haðubrant untar
heriun tuem.
sunufatarungo iro saro
rihtun,
garutun sê iro guðhamun,
gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa do sie to
dero hiltiu ritun.
Hiltibrant gimahalta, Heribrantes
sunu, – her uuas heroro
man,
ferahes frotoro – her
fragen gistuont
fohem uuortum, hwer sin fater
wari
fireo in folche, . . . . . . . .
. . . .
. . . . . . . . . . . . «eddo
hwelihhes cnuosles du sis.
ibu du mi ęnan sages, ik mi de
odre uuet,
chind in chunincriche. chud ist
mi al irmindeot.»
Hadubrant gimahalta,
Hiltibrantes sunu:
«dat sagetun mi usere
liuti,
alte anti frote, dea érhina
warun,
dat Hiltibrant hætti min
fater: ih heittu
Hadubrant.
forn her ostar giweit, floh her
Otachres nid,
hina miti Theotrihhe enti
sinero degano filu.
her furlaet in lante
luttila sitten,
prut in bure barn unwahsan,
arbeo laosa. her raet ostar
hina.
des sid Detrihhe darba
gistuontun
fateres mines: dat uuas so
friuntlaos man.
her was Otachre ummet
tirri,
degano dechisto miti
Deotrichhe.
her was eo folches at ente: imo
was eo fehta ti leop.
chud was her chonnem
mannum.
ni waniu ih iu lib habbe.» –
«wettu irmingot», quad Hiltibrant
obana ab heuane,
dat du neo dana halt mit
sus sippan man
dinc ni gileitos!»
want her do ar arme wuntane
bauga,
cheisuringu gitan, so imo se der
chuning gap,
Huneo truhtin: «dat ih dir it nu
bi huldi gibu.»
Hadubrant gimahalta,
Hiltibrantes sunu:
«mit geru scal man geba
infahan,
ort widar orte.
du bist dir, alter Hun,
ummet spaher;
spenis mih mit dinem wortun, wili
mih dinu speru werpan.
pist also gialtet man, so du ewin
inwit fortos.
dat sagetun mi
sęolidante
westar ubar wentilsęo, dat inan
wic furnam:
tot ist Hiltibrant,
Heribrantes suno.»
Hiltibrant gimahalta,
Heribrantes suno:
«wela gisihu ih in dinem
hrustim,
dat du habes heme herron
goten,
dat du noh bi desemo riche
reccheo ni wurti. –
welaga nu, waltant got», quad
Hiltibrant, «wewurt skihit!
ih wallota sumaro enti
wintro sehstic ur
lante,
dar man mih eo scerita in folc
sceotantero.
so man mir at burc ęnigeru banun
ni gifasta.
nu scal mih suasat chind suertu
hauwan,
breton mit sinu billiu, – eddo ih
imo ti banin werdan.
doh maht du nu aodlihho, ibu dir
din ellen taoc,
in sus heremo man hrusti
giwinnan,
rauba birahanen, ibu du dar
enic reht habes.» –
«der si doh nu argosto», quad
Hiltibrant, «ostarliuto,
der dir nu wiges warne, nu
dih es so wel lustit,
gudea gimeinun: niuse de
motti
hwerdar sih hiutu dero hregilo
rumen muotti,
erdo desero brunnono bedero
uualtan!»
do lęttun se ærist asckim
scritan,
scarpen scurim, dat in dem
sciltim stont.
do stoptun to samane
staimbort chludun,
heuwun harmlicco huittę
scilti,
unti im iro lintun luttila
wurtun,
giwigan miti wabnum . . . .
. . . . . . .
Sinngemäße übertragung ind Hochdeutsche:
Man erzählte, dass sich die Kämpfer einzeln gegenüberstanden: Hildebrand und Hadubrand trafen zwischen den beiden Heeren aufeinander. Vater und Sohn bereiteten ihre Rüstung, legten die Kampfgewänder an und gürteten sich die Schwerter um – Helden, die schwer gepanzert zum Gefecht ritten.
Hildebrand, der ältere und erfahrene Krieger, begann vorsichtig zu fragen, wer sein Gegenüber sei und aus welcher Familie er stamme. „Wenn du mir deinen Namen nennst, kenne ich auch deine Verwandten im ganzen Reich“, sprach er.
Hadubrand antwortete: „Unsere Älteren erzählten mir, dass mein Vater Hildebrand heißt. Früher zog er nach Osten, floh vor Odoakers Zorn und ging mit Dietrich und seinen Kriegern. Er ließ Frau und Kind zurück und verschwand ins östliche Land. Dietrich vermisste ihn sehr, denn er war ein furchtloser und erfahrener Kämpfer. Ich glaube nicht, dass er noch lebt.“
Hildebrand erwiderte: „O Gott, dass zwei so nahe verwandte Männer einander in diese Lage bringen!“ Er legte die Ringe ab, die ihm der Hunnenkönig geschenkt hatte, und bot sie Hadubrand als Freundschaftsgabe an.
Doch Hadubrand entgegnete, dass ein Krieger Geschenke nur mit der Waffe annehmen solle und warnte vor hinterlistigem Vorgehen. Beide betrachteten sich, prüften die Rüstung des anderen und erkannten die Schwere der Situation: Nach langem Krieg und vielen Reisen würden sie nun gegeneinander kämpfen – Vater gegen Sohn.
Dann stießen sie aufeinander, die Lanzen brachen, Schilde splitterten, bis die Ausrüstung unter dem heftigen Kampf zu Bruch ging.
Vater und Sohn in (vermutlich) tödlichen Widerstreit.
Das Hildebrandslied, entstanden um das Jahr
800, gilt als das älteste überlieferte Heldenlied in deutscher
Sprache. Es erzählt von einer tragischen Begegnung: Vater und
Sohn stehen sich auf dem Schlachtfeld gegenüber, ohne einander
zunächst zu erkennen. Hildebrand, der erfahrene Krieger, trifft
auf Hadubrand, der in ihm nur den Feind sieht. Versöhnung
scheint möglich, doch Misstrauen und Pflichtgefühl treiben die
beiden unausweichlich in den Kampf.
In dieser Dichtung verbinden sich Heldentum und tiefe Tragik. Das Lied spiegelt die Werte einer Zeit, in der Loyalität, Ehre und Kampfesmut über allem standen – selbst über familiären Banden. Zugleich rührt es bis heute an eine universelle Erfahrung: das Scheitern von Verständigung, wenn Stolz, Misstrauen und das Gewicht der Geschichte überwiegen.
Unsere musikalische Interpretation gibt dieser archaischen Wucht eine neue Stimme. Mit kraftvollen Rhythmen und eindringlicher Stimmung wird die uralte Geschichte lebendig – als Echo aus der Frühzeit deutscher Dichtung und als Spiegel menschlicher Konflikte, die zeitlos bleiben.
Walther von der Vogelweide
(ca. 1170 bis 1230)
Traumliebe
Nemt, frouwe, disen kranz!
álsô sprach ich zeiner wol getânen maget,
sô zieret ir den tanz; mit den schoenen bluomen,
áls ir si ûffe traget. het ích vil edele gesteine,
daz müesste ûf iuwer haobet
óbe ir mirs geloubet.
sêt mîne triuwe, daz ichs meine.
Si nam daz ich ir bôt
einem kinde vil gelîch daz êre hât.
ir wangen wurden rôt
same die rôse, dâ si bî der liljen stât.
do erscâmpten sich ir liehten ougen:
dóch neic si mir schône.
daz wart mir zu lône:
wirt mirs iht mêr, daz trage ich tougen.
Ir sît sô wol getân,
daz ich iu mîn schapel gerne geben vil:
sô ichz áller beste hân.
wîzer unde rôter bluomen weiz ich vil:
die stênt niht verre in jener heide.
dâ si schône entspringent
und die vogele singent,
dâ suln wir si brechen beide.
Mich dûhte daz mir nie
lieber wurde, danne mir zu muote was.
die bluomen vielen ie
von dem boume bî uns nider an daz gras.
seht, dô muost ich von fröuden lachen.
do ich sô wünneclîche
was in troume rîche,
dô tagete ez und muose ich wachen.
Mir ist von ir geschehen,
daz ich disen sumer allen meiden muoz
vaste únder d’ougen sehen:
lîhte wirt mir einiu: so ist mir sorgen buoz.
waz óbe si gêt an disem tanze?
frouwe, durch iuwer güete
rucket ûf die hüete.
ôwê gesæhe ich si under kranze!
Freie übertragung ind Hochdeutsche:
„Nehmt, edle Dame, diesen Kranz!“
sprach ich zu einem reizenden Mädchen.
„So mögt ihr euren Tanz schmücken
mit den Blumen, wenn ihr sie auf dem Haupt tragt.
Hätte ich funkelnde Edelsteine,
sie würden euch zieren – so viel ist sicher.
Seht, dass ich es ehrlich meine.“
Sie nahm den Kranz an, wie es einem Kind gebührt, das Achtung
verdient.
Ihre Wangen färbten sich rosig,
wie Rosen, die zwischen Lilien blühen.
Ein Hauch von Scham legte sich über ihre klaren Augen,
doch sie neigte sich anmutig zu mir.
Dies war mein Lohn,
und mehr wird mir zuteil, schweige ich still.
„Ihr seid so schön,
dass ich euch gern mein Kränzchen überreiche –
das Wertvollste, was ich besitze.
Ich kenne Orte, wo weiße und rote Blumen wachsen,
auf einer Heide, nicht weit von hier,
wo sie prächtig sprießen,
und dort, begleitet vom Gesang der Vögel,
möchten wir sie gemeinsam pflücken.“
Nie zuvor fühlte ich mich so selig.
Blüten fielen unaufhörlich von den Bäumen in das Gras,
und ich lachte voller Freude.
Doch als ich im Traum die Fülle des Glücks genoss,
da wurde es Tag, und ich musste erwachen.
Sie bewirkte, dass ich den ganzen Sommer über
allen Mädchen tief in die Augen sah.
Finde ich die Richtige, verschwindet mein Kummer.
Wie, wenn sie beim Tanz mittanzt?
Frauen, zeigt Freundlichkeit,
hebt die Hüte!
Ach, sähe ich sie doch unter dem Kranz!
Traumliebe gehört zu den bekanntesten Werken des Minnesängers Walter von der Vogelweide (um 1170–1230). Das Gedicht erzählt von einem zarten, spielerischen Moment der Begegnung zwischen einem jungen Mann und einer schönen Dame, deren gegenseitige Aufmerksamkeit und feine Zwischentöne der Scham, Freude und Zuneigung die Handlung tragen.
In dieser Überlieferung verbinden sich Natur, Liebe und Sinnlichkeit auf poetische Weise. Der Erzähler überreicht der Dame einen Kranz, lädt sie ein, Blumen gemeinsam zu pflücken und beschreibt das Glück, das sich im Zusammenspiel von Natur und Zuneigung entfaltet. Gleichzeitig spiegelt sich in dem Text ein Spiel von Scham und Zurückhaltung, das typisch für die höfische Liebeslyrik ist.
Unsere musikalische Umsetzung lässt die Stimme der mittelalterlichen Liebe neu erklingen. Mit sanften Melodien, klaren Harmonien und einer weiblichen Interpretation wird die intime Spannung des Gedichts lebendig – eine Brücke zwischen der poetischen Welt des 12. Jahrhunderts und dem heutigen Hörerlebnis.

